Die etwas andere „Bauanleitung“

Coccyx

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Tach zusammen,

ich dachte mir ich schreib mal ein bisschen was zusammen für potentielle Eigenbauer, denen noch der letzte Motivationsschub fehlt oder die vielleicht einfach nicht wissen ob sie so etwas handwerklich hinbekommen oder wie sie das Ganze als Projekt angehen sollten.
Ich hab tatsächlich überlegt, ob ich die Dokumentation zu meinem zweiten Tisch (nee, der ist noch laaaange nicht angefangen geschweige denn fertig) als „quasi-Bauanleitung“ mit allen Maßen etc. aufbauen sollte. Dabei hat mich aber gestört, dass so etwas die Kreativität der Nachbauer deutlich einschränkt und ich keine große Lust habe, mir drei andere Dokus anzuschauen, die einen Tischbau nach Anleitung dokumentieren. Da kann ich mir ja gleich ein Unboxing Video zu einem Kauftisch ansehen 😛

Ich finde die für einen selbst passende Bauanleitung sollte - nach tiefgreifender Recherche - im eigenen Kopf entstehen; wer mal eben ohne Vorkenntnisse hier reinliest und seinem Enkelkind nen Tisch basteln will, der sollte wirklich lieber nach einem - guten! - Bauplan arbeiten aber das sind dann a) meist Leute, die das ohnehin hier nicht dokumentieren und wenn doch sind das dann b) eben Nachbauten, die zumindest mich vermutlich nicht wirklich vom Hocker hauen.

Deshalb hab ich mir gedacht ich schreibe hier einfach mal nieder wie ich für mich das Projekt angegangen bin, was mein Ziel war, wie ich das alles geplant habe, welche Werkzeuge ich für sinnvoll und welche ich für zwingend notwendig halte usw.

1. „Kann ich das überhaupt???“
Klares und fast uneingeschränktes „ja“ zu jedem, der sich überhaupt die Frage stellt, ob er selbst bauen sollte, ohne zu wissen welche Vorkenntnisse der/diejenige hat. Was zählt ist der Wille, der Rest kommt mit der Zeit.

Wenn du dir nen Tisch selbst bauen möchtest, dann ist das heutzutage einfacher als je zuvor. Es gibt super Dokus dazu, einen Thread mit allen wichtigen Maßen und wer das wirklich will der schafft das auch. Viele denken vielleicht sie könnten ganz sicher keinen besseren Tisch als eine Firma bauen, die sowas jeden Tag macht. Dazu muss man sich aber im Klaren sein, dass ein Kauftisch in erster Linie am Markt bestehen muss und nicht zwangsläufig der für einen ganz persönlich beste Tisch sein will. Wenn ich selbst baue, kann ich frei von Kostenzwängen (im gewissen Rahmen zumindest 😂) den Tisch so bauen wie ich ihn haben will und wenn man dabei ein paar Dinge beachtet - allem voran die kritischen Maße - und sich im Klaren ist was einem an einem guten Kicker wichtig ist, dann wird das der für einen selbst perfekte Tisch werden. Der muss sich dann nicht zwangsläufig gut in Serie vermarkten lassen.

Wer allerdings anfängt, die eigenen Arbeitsstunden aufzurechnen, der hat mMn nicht kapiert worum es beim Selbstbauen geht. Das Ganze sollte Spaß machen und keine günstige Lösung sein, an einen guten Tisch zu kommen. Ich jedenfalls hatte während der 6 Monate Bauzeit viel Spaß. Hätte ich stattdessen zu meinem Stundenlohn gearbeitet, dann hätte ich wohl den ein oder anderen Goldtaler verdient aber darum geht es eben nicht. Hier im Forum gibt es eine Doku zu einem halbfertigen Tisch mit dem Titel „Mein erster und hoffentlich letzter Eigenbau“ oder so ähnlich. Da hab ich mich gefragt, warum sich jemand dann sowas antut??? Dann kauf doch lieber nen schönen Tisch, aber das ist nur meine bescheidene Meinung.

2. „Hab ich das Werkzeug dafür?“
Wer keine Handkreissäge (bestenfalls mit Führungsschiene und Tauchfunktion) besitzt, der kann sich notfalls das Material zusägen lassen. Mich würde das aber extrem nerven, alles extern sägen lassen zu müssen. Für mich persönlich ist ne Tauchkreissäge mit Schiene für nen Bau gesetzt aber es geht eben auch ohne.

Meiner Meinung nach braucht man für einen ordentlichen Tisch aber mindestens:
  • Stichsäge (zB Torausschnitt grob vorsägen)
  • Oberfräse (HPL bündig fräsen, Ausschnitte sauber fräsen)
  • Hammer (normal und Gummi)
  • (Stand)bohrmaschine
  • Akkuschrauber
  • diverse Holzbohrer
  • Schleifmaschine
  • Andrückwalze für das HPL (ich würde immer mit HPL beschichten, eventuell kann man sich gleich fertig beschichtetes Holz kaufen)
  • Gliedermaßstab
  • Lineal, Bleistift, Wasserwaage
  • Tischlerwinkel
  • diverse Schraubzwingen
  • Werkbank
  • Platz
  • Zeit
  • Geduld

Außerdem bieten sich an
  • Forstnerbohrer mit dem Durchmesser, der für den gewünschten Lagertyp notwendig ist (zB 38mm für Ullrich Lager). Man kann die Lagerbohrungen aber auch alternativ mit der Oberfräse herstellen.
  • Schraubstock für die Bearbeitung von Kleinteilen usw.
  • Flachdübelfräse (hatte ich beim ersten Tisch nicht aber ich hatte jetzt nen guten Grund mir eine zu gönnen 😜)
Soll heißen es geht bei geringer Fertigungstiefe - alles zugeschnitten zukaufen - auch quasi nur mit ner Stichsäge und anderem Basis-Werkzeug wie ner Handbohrmaschine / Akkuschrauber aber die beiden Listen oben erleichtern die (saubere) Arbeit mMn deutlich.

3. „Sollte ich mir nen Plan machen oder einfach mal anfangen?“
Man braucht sicher keine detaillierte 3D Konstruktion oder Detailzeichnungen aber man sollte sich vor dem Bau Gedanken darüber machen wie man was bauen möchte. Hierzu kann ich nur raten: hier, auf kickerbau.org und kiquan.de lesen, lesen, lesen und schauen wie es andere gemacht haben. Und dabei immer dran denken: die haben das meist alle selbst zum ersten Mal gemacht, also gerne hinterfragen und kritisch betrachten 😉

Viele Dinge lassen sich anders oder für einen selbst einfacher / schneller / günstiger lösen, also immer den eigenen Kopf zuschalten.

Die Galerie auf der Seite von Kicker Klaus sollte man sich auch ansehen denke ich.

Und wenn man erst mal gesehen hat was andere so bauen und vor allem wie, dann kristallisiert sich auch irgendwann heraus was man selbst wie bauen möchte und wie man es besser nicht macht. Das setzt selbstredend voraus, dass man etwas Zeit in diese Phase investiert. Je mehr desto besser aber irgendwann muss man auch einfach mal anfangen. Das hab ich mir so nach etwa dreieinhalb Jahren gesagt 😱

Fazit: Nur Mut! Wer Lust drauf hat der kann sich das zutrauen. Und immer dran denken: Bilder machen und hier alles schön dokumentieren. Die Nachwelt dankt es euch 🤭
 
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