Willkommen auf der größten deutschen Tischfussball Community! Hier erhältst Du jede Menge Infos und News zum Kickern. Bei Fragen rund um den Tischfussball wird Dir im Forum kompetent geholfen.


Die letzten Beiträge im Tischfussball-Forum


Die nächsten Kickerturniere


Tischfussballmagazin

Kicken auf einem halben Quadratmeter – Was ist dran am Tischfußballboom in Deutschland?

Bericht von Thomas Przesdzink

Schnappen wir uns einmal eine Deutschlandkarte, markieren den Sitz eines jeden Tischfußballvereins mit einem Punkt und verbinden diese dann mit Linien, erhalten wir ein Netz, das außer in den Stadtstaaten wahrlich mehr als grobmaschig ist. Auf die Fischerei bezogen, bedeutet das, dass nur sehr große Fische im Netz bleiben. Von mehr als 83 Millionen Menschen in Deutschland sind 7631 Spieler (2010 = 5662) unter dem Dachverband DTFB in 13 Landesverbänden und den dazugehörigen Vereinen organisiert. Der Deutsche Fußball Bund, als größter Verband Deutschlands, freut sich über mehr als 7 Millionen Mitglieder. Natürlich ist das keine vergleichbare Größe für unser geliebtes Drehstangentischfußball - zumindest gegenwärtig noch nicht. Deshalb werfen wir einmal einen Blick auf andere Trendsportarten wie z.B. Stand-up-Paddling oder Fußballgolf. Das Tanzen auf einem Surfboard mit Balancierstock begeistert tatsächlich zehntausende Menschen in Deutschland, besitzt jedoch noch keine plausiblen Strukturen, teilweise sind die Paddler in Surf – oder Kanuverbänden organisiert. Die German Stand Up Paddle Association kämpft bei der Vereinigung ihrer Sportler aber gegenwärtig wie Servantes Don Quichote gegen Windmühlen. Fußballgolf hat mit weniger als 500 Mitgliedern auch noch einen weiten Weg eine ernst zu nehmende Sportart zu werden. So gesehen läuft in Tischfußballdeutschland schon Vieles richtig. Ein weiteres Jonglieren mit Zahlen bestätigt den Tischfußballboom in allen 3 Stadtstaaten. Der Tischfußballverband Hamburg (TFVHH) legt mit einer Steigerung seiner Mitglieder im Zeitraum von 2010 bis 2018 von 407MG auf 1137MG sensationelle Zahlen auf den Tisch. Aber auch Berlin (2010 = 546MG; 2018 = 710MG) und Bremen (2010 = 104MG; 2018 = 184MG) müssen sich nicht verstecken. Aufgrund der vorliegenden Zahlen muss gefragt werden, warum vorwiegend die Stadtstaaten vom Boom profitieren. Der vermutlich wichtigste Katalysator für den Erfolg der Stadtstaaten ist zweifellos eine perfekte Infrastruktur. Neben der hervorragenden Abdeckung mit öffentlichen Verkehrsmitteln, vielen verschiedenen Vereinen und ausreichend öffentlichen Spielstätten, spielen Indikatoren wie die tischfußballverrückten, aber auch kompetenten Präsidien dieser Landesverbände, als auch Institutionen wie das Tischfußballleistungszentrum Kixx in Hamburg, die Berliner Veranstaltungsagentur Kivent und die Bremer Leistungszentren Roter Stern und Kickerfreunde Bremen, welche dafür sorgen, dass Tischfußball in der Öffentlichkeit und den Medien omnipräsent ist, eine nicht unwesentliche Rolle.

Im Gegensatz dazu stagnieren oder schrumpfen die Mitgliederzahlen der früheren Flaggschiffe des DTFB, wie Saarland (2010 = 2085MG; 2018 = 2104MG)  und Bayern (2010 = 634MG; 2018 = 481MG). Man könnte sagen, dass der Tischfußballboom vor den Landesgrenzen dieser Bundesländer halt macht.

Doch wie lässt sich dieses Phänomen erklären – es auf die geographische Beschaffenheit der  Bundesländer zu schieben, ist wohl eher schwierig beim flächenmäßig kleinsten bzw. größten Bundesland. An großen Städten mit hervorragenden Infrastrukturen, wie München, Nürnberg, Frankfurt und Saarbrücken mangelt es jedenfalls nicht. Natürlich könnte man es sich einfach machen und die Präsidien der Landesverbände in die Verantwortung zu nehmen – und damit den Stillstand bzw. die Regression erklären.

Doch gerade das wäre eine gefährliche Bagatellisierung der tatsächlichen Gründe dafür, dass Deutschland die Kicker – Euphorie lediglich als Flickenteppich erlebt. Vielmehr sollten Deutschlands führende Tischfußballfunktionäre ganz genau hinterfragen, warum gerade die ältesten und traditionsreichsten Landesverbände von der Begeisterung um die roten und blauen „Maxeln“ nicht erreicht werden, denn auch unsere jüngeren schnell wachsenden Verbände werden einmal älter. Und genau das ist des Pudels Kern. Eine Lösung scheint der Nordrheinwestfälische Tischfußballverband gefunden zu haben. Mit 2008 ist der Verband natürlich viel jünger als Bayern, Hessen und das Saarland, da ich aber die Szene schon länger beobachte, weiß ich, dass der Tischfußball in NRW bereits lange vor der Gründung des NWTFV in Ligen und dem Klever Tischfußballverband organisiert war und somit durchaus mit den Verbänden in Bayern, Hessen und dem Saarland vergleichbar ist. Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich mit dem Präsidenten des NWTFV über Tischfußball philosophiert habe, aber eines seiner Zitate ist mir sehr gut im Gedächtnis geblieben: „Sie wollen alle nur spielen und ich werde versuchen sie alle mit zu nehmen.“

Und ein Blick auf die Zahlen zeigt uns, dass es gelungen ist. Mit viel Mut und Hartnäckigkeit hat er es trotz vieler Widerstände geschafft, mit seinem jungen engagierten Team alte Strukturen aufzubrechen und damit den Hype um den halben Quadratmeter-Kick nach Nordrheinwestfahlen geholt. Mittlerweile sind Ligaspieltage oder Challenger-Turniere in NRW nicht nur eine Sportveranstaltung, sondern ein soziales Event bei dem man sich nicht nur über Tischfußball austauscht. Mit einer Steigerung von 496 Mitgliedern im Jahre 2010 auf 880 im Jahr 2018 beweist der NWTFV, dass auch traditionelle Landesverbände von der aktuellen Hochphase profitieren können.

Eines von vielen Beispielen für das Festhalten an verkrusteten Strukturen in den vom Tischfußballboom nicht betroffenen Landesverbänden ist das Festhalten an den vierzehntäglichen Spieltagen. Eine Einführung von Sammelspieltagen hätte, in Zeiten in denen die grauen Männer aus Momo den Menschen immer mehr Zeit stehlen, den Synergieeffekt viel mehr Tischfußballbegeisterte in den Ligabetrieb zu integrieren und somit auch an den Verband zu binden und die dabei entstehenden Events mit mehr Sozialkompetenz zu versorgen.

Ein weiterer wichtiger Baustein, um in einer Sportart dauerhaft von einem punktuellen Aufschwung zu profitieren, ist die Jugendarbeit. In einem persönlichen Gespräch mit Klaus Gottesleben, Präsident des Deutschen Tischfußballbundes, habe ich ihn kritisch darauf angesprochen, dass die aktuelle Tischfußball – Hochkonjunktur noch nicht in allen Bundesländern angekommen ist und die Jugendarbeit auch noch kein Profiteur deren ist. Freudig nehme ich zur Kenntnis, dass auch der DTFB sich seine Gedanken zur Nutzung des aktuellen Booms macht. Da mir aber die Gründung der DTFJ, Juniorenbundesliga und Tischfußballzeltlager mangels Aktualität nicht ausreichen, gelang es mir, ihm doch künftige Planungen zur Verbesserung der Jugendarbeit zu entlocken. Die DTFJ plant mit Hilfe von IT-Medien den Tischfußballsport zu Schulen, Jugendzentren, Pfadfindern und Kolpingjugend usw. zu bringen. Im Detail soll das so aussehen, dass die Erzieher auf Internetplattformen Regeln, Turniersoftware, fachkundige Vereinsspieler und gegebenenfalls auch Kickertische ordern können. Zusammen mit den überregionalen Veranstaltungen wie Junioren-Bundesliga und Tischfußballzeltlagern eine wirklich schöne Idee und ein kleiner Schritt in die richtige Richtung - DAS IST ABER DEFINITIV ZU WENIG! In einigen Jahren Jugendarbeit habe ich als wichtigste Erfahrung mitgenommen, dass nur durch regionale Veranstaltungen von Vereinen mit Jugendlichen, die auch geographisch miteinander vernetzt sind, dauerhafte Strukturen rund um den Tischfußball entstehen können. Die besten Beispiele für diese Theorie sind der TSC Fränkisch - Crumbach und Kick`in Ingolstadt. Deutschland bräuchte aber noch viel, viel mehr dieser Vorzeigeprojekte. Deshalb müssen der DTFB und seine Landesverbände Anreize schaffen, zur Not auch finanzielle, um Modelle wie in diesen Vereinen großflächig in Deutschland zu initiieren. Dafür muss jedes Budget des Bundesverbandes und der Landesverbände auf den Prüfstand, und nach Möglichkeit zu Gunsten der Jugendarbeit gekürzt werden. Mit den freiwerdenden Mitteln müssen Tischfußballverrückte lokal offensiv in Schulen, Jugendzentren, Messen usw. die Jugendlichen mit Tischfußball konfrontieren. Nur so wird es uns gelingen, dass die Tischfußballlandkarte Deutschland dauerhaft von einem Tischfußballboom profitiert.

Gegen Ende komme ich noch einmal auf das viel zu grobmaschige Netz zurück. Jede neue Vereinsgründung in Deutschland würde die Maschen unseres Netzes verkleinern und je kleiner die Maschen, umso mehr Menschen nehmen wir mit auf eine Reise voller emotionaler Höhe- und Tiefpunkte – ein Leben mit Tischfußball.

Der DTFB und seine Landesverbände sind sich dieses drängendsten aller Probleme durch aus bewusst und steht allen Tischfußballverrückten, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann, als kompetenter Partner bei der Umschiffung aller rechtlichen Hürden einer Vereinsgründung zur Seite.

Da trotz aller Bemühungen seitens der Verbände das Ergebnis bei der Gründung neuer Vereine sehr übersichtlich bleibt, bedarf es auch hier neuer Ansätze. Das Herz aller Vereine sind ihre Tischkicker. Eine Möglichkeit für neue Anreize könnte z.B. sein, dass der DTFB mit seinen Tischpartnern eine Vereinbarung trifft, dass ab 2020 neu gegründete Vereine zwei Kicker als Grundausstattung zum halben Preis bekommen oder dass finanziell gesund aufgestellte Landesverbände kostenlos ein Tischfußballgerät zur Verfügung stellen.

Mit der Präsidentenrunde Ende diesen Jahres steht der nächste Showdown für die weitere Entwicklung unseres Sportes bereits vor der Tür. Mit Spannung, aber auch einem kritischen Blick warten wir auf kommende Modifikationen und die Zukunftspläne unserer, wenn auch manchmal gescholtenen, letzten Endes doch hoch geschätzten, Funktionäre.

 

"Tischfußball ist mehr als nur ein Spiel"
Thomas Przesdzink
Freier Mitarbeiter Passauer Neue Presse und Pressesprecher DFST Passau
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

(Diskutiere über diesen Artikel im Tischfussball-Forum)

 

 

Video der Woche